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Soldaten, Kameraden ...

Nimm das Mädel, nimm das Mädel an die Hand.

Altes Liedgut nicht erlaubt?

Ein Lied. Ein Raum. Eine versunkene Zeit.

Warum manche Erinnerungen stärker sind als jede politische Debatte — und weshalb ein altes Soldatenlied für mich nie etwas mit Ideologie zu tun hatte.

Zwischen Vergangenheit und Verdacht

Es ist eine seltsame Zeit geworden.

Eine Zeit, in der Menschen plötzlich anfangen, alte Wörter zu sezieren wie Sprengstoff.
In der ein Satz wie „Alles für Deutschland“ nicht mehr nur ein historisches Zitat ist, sondern sofort Alarm auslöst.
In der Lieder geprüft werden wie Beweismittel.
In der Melodien unter Verdacht geraten, weil sie irgendwann einmal von den falschen Menschen gesungen wurden.

Natürlich gibt es Grenzen.
Natürlich gibt es echte Propaganda.
Natürlich darf Geschichte niemals verharmlost werden.

Aber irgendwann stellt sich trotzdem eine unangenehme Frage:

Darf man heute überhaupt noch Erinnerungen besitzen, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen?

Denn viele der alten Lieder stammen nicht aus dem Nationalsozialismus.
Sie wurden nur in jener Zeit ebenfalls gesungen.
Volkslieder, Studentenlieder, Fahrtenlieder, Seemannslieder, Soldatenlieder — manches davon hunderte Jahre alt.

Und genau so ein Lied gehörte zu meiner Kindheit.

Nicht als Ideologie.
Nicht als Militarismus.
Nicht als politische Botschaft.

Sondern als pure Lebensfreude.

Ein Schifflein sah ich fahren

Verfasser und Komponist

Der Verfasser ist unbekannt. Was man weiss, ist das das Lied aus der Zeit des amerikanischen Befreiungskrieges stammt, also 1781/82 auf dem englischen Transportschiff „Polly“ gesungen wurde. Auf diesem Schiff wurde das 15. hannoversche Regiment befördert, um von England gegen die amerikanischen Freiheitskämpfer eingesetzt zu werden (Amerikanische Revolution 1776).

„Ich will fühlen, dass ich lebe.
Ich will wissen, dass ich genüge.“

Ein Schifflein sah ich fahren

Ein Schifflein sah ich fahren,
Kapitän und Leutenant!
Darinnen waren geladen
Drei brave Kompanien Soldaten.
Kapitän, Leutenant, Fähnerich, Sergeant,
Nimm das Mädel,
Nimm das Mädel bei der Hand!
Soldaten, Kameraden!
Nehmt das Mädel,
Nehmt das Mädel bei der Hand!

Was sollen die Soldaten essen,
Kapitän und Leutenant?
Gebrat’ne Fisch mit Kressen,
Das sollen die Soldaten essen!
Kapitän, Leutenant….

Was sollen die Soldaten trinken,
Kapitän und Leutenant?
Den besten Wein, der zu finden,
Den sollen die Soldaten trinken!
Kapitän, Leutenant….

Wo sollen die Soldaten schlafen,
Kapitän und Leutenant?
Bei ihrem Gewehr und Waffen,
Da müssen die Soldaten schlafen!
Kapitän, Leutenant …..

Wo sollen die Soldaten tanzen,
Kapitän und Leutenant?
Vor Harburg auf der Schanzen,
Da müssen die Soldaten tanzen!
Kapitän, Leutenant ….

Wie kommen die Soldaten in´n Himmel,
Kapitän und Leutenant?
Auf einem weißen Schimmel,
Da reiten die Soldaten in’n Himmel.
Kapitän, Leutenant…..

Wie kommen Offiziere in d´Höllen,
Kapitän und Leutenant?
Auf einem schwarzen Fohlen,
Da wird sie dann der Teufel schon holen.

Kapitän, Leutenant…..

Das Lied vom Schifflein

Es wurde auf nahezu jedem Geburtstag meiner Eltern gesungen. Damals, in den Jahren nach 1960.

Und Geburtstage bedeuteten damals noch etwas völlig anderes als heute. Nicht drei Leute am Grill und um 22 Uhr „wir müssen morgen früh raus“. Sondern volle Häuser. Nachbarn. Freunde. Verwandte. Kinder. Rauch. Gelächter. Bierkästen. Gitarren. Stimmengewirr.

Zwanzig Menschen waren eher die Untergrenze.

Man kannte sich.
Man blieb oft bis tief in die Nacht.
Und irgendwann kam fast immer der Moment, an dem Gerda, die Freundin meiner Mutter, beschloss:

„Jetzt wird das Schifflein gesungen.“

Mein Vater griff zur Gitarre.
Alle kannten den Text.

Und dann begann dieses herrliche Chaos.

Vorher wurden die Männer eingeteilt:

  • Soldaten
  • Fähnriche
  • Sergeanten
  • Kameraden
  • manchmal auch Leutnants

Und die Frauen sowieso.

Denn sobald im Lied die jeweilige Gruppe erwähnt wurde, mussten die Betroffenen aufspringen.
Sofort. Ohne zu spät zu reagieren.

Die Soldaten hoch.
Die Sergeanten hoch.
Die Kameraden hoch.

Und bei:

„Nimm das Mädel bei der Hand“

standen alle Frauen auf, winkten, bewegten sich elegant oder weniger elegant aus der Hüfte heraus und lachten über sich selbst.

Das Ganze wurde mit jeder Strophe chaotischer und lustiger. Wer zu langsam reagierte, wurde ausgelacht.
Wer falsch aufstand ebenfalls.

Am Ende waren alle außer Atem.

Aber die Stimmung explodierte regelrecht vor guter Laune.

Das Klavier, die Hausbar und dieser eine Moment

Später, als ich etwa zwölf war, durfte ich das Lied auf dem Klavier begleiten. Das hatte einen entscheidenden Vorteil:
Ich musste nicht mitsingen. Ich konnte mich hinter den Tasten verstecken und einfach auf das Klavier einhämmern, während die anderen gröhlten.

Und dann kam dieser Abend.

Ich war ungefähr sechzehn.
Geburtstag meines Vaters.
Juni. Die Hausbar voll.
Die Luft schwer von Rauch, Stimmen und Alkohol.

Und wieder wurde das Schifflein gesungen.

Ich saß konzentriert am Klavier und versuchte verzweifelt, die Melodie nicht zu verlieren, während hinter mir die halbe Gesellschaft aufsprang und durcheinander lachte.

Da beugte sich plötzlich Erika, die andere Freundin meiner Mutter, von hinten zu mir herunter.

Sie stützte sich auf meine Schulter. Und in einem kurzen Moment vollkommenen Übermuts biss sie mir spielerisch ins Ohr.

Niemand bemerkte es. Keiner sah es. Aber ich habe diesen Augenblick nie vergessen.

Vielleicht gerade deshalb, weil nie darüber gesprochen wurde. Weil solche Momente damals einfach im Raum verschwanden wie Zigarettenrauch. Man schaute kurz irritiert. Dann grinste man innerlich, erledigt.

Und das Leben ging weiter.

Darf man so etwas heute noch singen?

Heute würde wahrscheinlich irgendjemand zuerst den historischen Ursprung prüfen.

Dann den politischen Kontext.

Dann mögliche ideologische Kontaminationen.

Dann irgendeinen Artikel posten.

Und wahrscheinlich würde irgendwo jemand erklären, weshalb das problematisch sei.

Das Lied selbst stammt vermutlich aus deutlich älteren militärischen Traditionen und wurde unter anderem im Umfeld früher Soldaten- und Volksliedkultur verbreitet — lange vor 1933. Trotzdem wurden solche Lieder natürlich auch in der Zeit vor 1945 gesungen. Wie nahezu alles, was damals populär war.

Aber genau darin liegt vielleicht das eigentliche Problem unserer Zeit:

Wir verwechseln zunehmend Erinnerung mit Zustimmung.

Nicht jedes alte Lied ist ein politisches Manifest.
Nicht jede vergangene Kulturform ist automatisch ideologisch belastet.
Und nicht jede Kindheitserinnerung muss heute vor einem moralischen Tribunal bestehen.

Für mich war dieses Lied niemals „Militärkult“.

Es war Wärme.
Gemeinschaft.
Freundschaft.
Lachen.
Musik.
Menschen, die miteinander Zeit verbrachten.

Und vielleicht vermisse ich genau das heute am meisten.

Diese Selbstverständlichkeit von Nähe.

Wo gesungen wird

Ich bin jedenfalls froh, in einer Zeit aufgewachsen zu sein, in der man ein Lied noch einfach singen durfte.

Ohne Debatte.
Ohne Verdacht.
Ohne ideologische Vermessung.

Einfach weil Menschen zusammen waren.

Wie sagte mein Vater selig immer:

„Wo gesungen wird, da lass dich nieder.“

Und vielleicht war genau das die eigentliche Wahrheit hinter diesen Abenden.

Nicht das Lied war wichtig.

Sondern dass überhaupt gemeinsam gesungen wurde.

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