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„Alles ist Bewegung“

Eine Nacht in der Hausbar, ein persischer Philosoph – und die Frage, was ist Gott

Zwischen Barhockern und Weltgeschichte

Manchmal sind es unscheinbare Räume, in denen sich Gedanken einprägen, die ein Leben lang bleiben. Ein kleiner Kellerraum. Eine L-förmige Bar aus einer alten Musiktruhe. Ein Röhrenradio. Und ein Gespräch über Gott – geführt von einem Mann, dessen Heimat in Flammen stand.

Alles ist Bewegung

Es war 1979.

Für viele Iraner im Ausland war dieses Jahr kein abstraktes politisches Ereignis, sondern ein Einschnitt voller Angst. Die neue Führung unter Ruhollah Chomeini verfolgte ehemalige Funktionsträger des Schahs – Militärs, Diplomaten, sogar deren Familien – als „Verderber auf Erden“. Todesurteile wurden in Abwesenheit ausgesprochen. Der Richter Sadegh Chalchali drohte öffentlich, man werde die Geflohenen „ausschalten“, wenn man sie nicht verhaften könne.

Und es blieb nicht bei Worten.

  • Im Dezember 1979 wurde Shahriar Shafiq in Paris erschossen.
    Im Juli 1980 traf es Ali Akbar Tabatabai vor seinem Haus in Maryland.
    1991 wurde Schapur Bachtiar im französischen Exil ermordet – trotz Polizeischutz.

Für viele Exil-Iraner war Angst kein Gefühl, sondern ein Zustand.

Impression vom Iran vor 1979

Persische Philisophie im kleinen Kellerraum

Meine Eltern hatten im Untergeschoss unseres Hauses einen kleinen Raum eingerichtet.
Nicht groß. Eine L-förmige Bar, gebaut aus einer alten Musiktruhe aus den 70ern. Ein Röhrenradio. Regale mit Gläsern. Ein kleines Waschbecken. Daneben eine Eckbank für sechs Personen.

Ich war 19 Jahre alt.

Ich saß mit Ahmad auf zwei Barhockern. Meine Eltern, mein Onkel Horst und seine Frau Irmgard saßen mit Ira – einer atemberaubend schönen Frau – an der Eckbank. Ira hatte diese stille, warme Ausstrahlung, die Räume verändert.

Ahmad war Professor. Dr. Dr. der Philosophie. Hochgebildet. Ruhig. Klar.

Wir sprachen über Gott.

Ich weiß nicht mehr, wie wir genau dort gelandet waren. Aber ich erinnere mich Wort für Wort an seine Antwort.

Er sagte sinngemäß:

Das ganze Leben ist Bewegung.
Die Erde dreht sich um sich selbst.
Sie kreist um die Sonne.
Unser Sonnensystem bewegt sich durch die Milchstraße.
Elektronen kreisen um den Atomkern.
Blut zirkuliert in unseren Adern.
Wasser verdampft und fällt als Regen zurück.
Laub fällt im Herbst, der Wind treibt die Wolken.
Alles bewegt sich. Alles.
Das Ganze ist ein gigantisches Meer aus Bewegung.
Und irgendwo mitten darin bin ich.
All das ist Gott für mich.“

Ich war überwältigt.

Diese Definition war größer als jede dogmatische Formel. Größer als jede Konfession. Ich habe sie nie vergessen.

Wenn die Bewegung zerstört wird

Am Samstag, den 28. Februar 2026, griffen Israel und die USA den Iran an.

Und plötzlich war alles wieder da.

Die Bilder.
Die Geschichten.
Die Angst von damals.

Wieder sterben Menschen, weil Regierungen gestürzt werden sollen. Die Motive – ob sie nun mit Moral, Sicherheit, Rohstoffen oder Verteidigung begründet werden – ändern nichts am Ergebnis: Tote.

In meinem christlichen Denken finde ich keinen Grund, einen Krieg zu beginnen, der hunderttausende Menschen in den Tod treiben kann.

In Persien wurde eine Zündschnur entzündet.
Wie weit sie reicht, wissen wir nicht.

Diesmal wird sogar der Sohn des Schahs aus dem Exil hervorgeholt und als möglicher politischer Hoffnungsträger ins Spiel gebracht. Haben wir wirklich alles vergessen? Geschichte wiederholt sich nicht exakt – aber ihre Muster sind erschreckend vertraut.

Die alten Lügen

Ich denke an den Irakkrieg.

An die Rede von Colin Powell vor dem Sicherheitsrat der United Nations. Oder an Hillary Clinton, die auch später noch der Meinung war, der Irak Krieg sei gerechtfertigt. Nicht zu vergessen Madeleine Korbel Albright, als Aussenministerin der USA.

  • An die behaupteten Massenvernichtungswaffen.
  • An den „War on Terror“.
  • 500.000 Tote!

 

Später stellte sich vieles als falsch heraus. Verbindungen zu al-Qaida waren nicht belegbar. Die Begründungen zerfielen.

Ich höre die Stimme meiner Oma: „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht.“

Und ich frage mich: Warum glauben wir es trotzdem immer wieder?

Es ist nicht weit weg

Wir sagen: Der Iran ist weit weg.

Doch plötzlich betrifft es uns.

Nicht nur durch steigende Energiepreise. Nicht nur durch Nachrichtenbilder. Es reicht in unsere Beziehungen hinein. In Freundschaften. In Erinnerungen.

Ich war immer fasziniert vom Iran.
Von der unvergleichlichen Gastfreundschaft.
Von einer Kultur, die eine Wiege von Wissenschaft und Poesie war.

Das Land stand ganz oben auf meiner Liste der Orte, die ich besuchen wollte. Afghanische Flüchtlinge, die dorthin geflohen waren, unterstützte man hier über Umwege. Ich wollte sie besuchen. Sehen, wie sie leben.

Jetzt scheint all das unerreichbar.

Der Schmerz hinter den Schlagzeilen

Wenn man sich wirklich mit Krieg beschäftigt, spürt man etwas anderes als politische Debatten.

Man spürt:

  • die Angst von Familien
  • die Ohnmacht derer, die nichts entscheiden
  • die Zerreißprobe von Freundschaften
  • die innere Zerrissenheit zwischen Loyalität und Gewissen
  • die Fragen, auf die niemand antwortet
 

Was kommt auf uns zu?

Wie viele Kinder verlieren ihre Väter?

Wie viele Mütter ihre Söhne?

Wie viele junge Männer und Frauen ihre Zukunft?

Und wo bleibt in all dem dieses „Meer der Bewegung“, das Ahmad Gott nannte?

Vielleicht ist Gott nicht auf der Seite der Mächtigen.
Vielleicht ist Gott dort, wo Bewegung Leben erhält – nicht wo sie durch Explosionen zerrissen wird.

Ich sehe uns wieder in diesem kleinen Kellerraum.
Zwei Barhocker.
Ein Röhrenradio.
Ein persischer Philosoph.

Und ich frage mich:

Wie kann es sein, dass wir alles über Atome wissen – aber nichts über Frieden?

Der zeitliche Rahmen der iranischen Revolution

Die Revolution war kein kurzes Ereignis, sondern ein Prozess, der seinen Höhepunkt zwischen Januar 1978 und Februar 1979 erreichte.

  • Beginn der Unruhen (Januar 1978): Erste große Proteste in der Stadt Qom gegen das Regime von Schah Mohammad Reza Pahlavi.

  • Der „Schwarze Freitag“ (September 1978): Ein blutiger Wendepunkt, nach dem die Proteste das gesamte Land und alle sozialen Schichten erfassten.

  • Die Flucht des Schahs (16. Januar 1979): Der Monarch verließ das Land, was das Ende der über 2.500-jährigen Monarchie in Persien einläutete.

  • Die Rückkehr Chomeinis (1. Februar 1979): Mit der Landung von Ajatollah Chomeini in Teheran wurde die Revolution vollendet und die Islamische Republik ausgerufen.

Der historische Zusammenhang

Um zu verstehen, warum das Land in die Revolution stürzte, muss man die Spannungen der Jahrzehnte davor betrachten:

Der Übergang von der demokratisch gewählten Regierung unter Mohammad Mossadegh hin zur autoritären Herrschaft von Schah Mohammad Reza Pahlavi im Jahr 1953 markiert einen der entscheidendsten Wendepunkte der modernen iranischen Geschichte.

Dieser Machtwechsel war kein friedlicher Prozess, sondern das Ergebnis eines gewaltsamen Staatsstreichs, der heute als Operation Ajax bekannt ist.

Die Ausgangslage: Öl und Nationalismus

Mossadegh wurde 1951 Ministerpräsident. Sein Hauptziel war die Nationalisierung der iranischen Erdölindustrie, die bis dahin unter der Kontrolle der britischen Anglo-Iranian Oil Company (heute BP) stand.

  • Der Konflikt: Großbritannien reagierte mit einem Wirtschaftsboykott und Blockaden.

  • Die politische Krise: Mossadeghs Macht wuchs, während der junge Schah zunehmend an Einfluss verlor und sich ins politische Abseits gedrängt fühlte.

Der Staatsstreich: 1953 Operation Ajax

Die Briten überzeugten die USA (CIA), dass Mossadegh eine Gefahr im Kalten Krieg darstelle und der Iran unter den Einfluss der Sowjetunion geraten könnte. Es ging aber auch um Öl, um sehr viel Öl, wie wir heute wissen. Die britischen Ölgesellschaft Anglo-Iranian Oil Company (AIOC) später in BP umbenannt, fand es gar nicht witzig, dass Massadegh die Ölquellen verstaatlichte.

  • Der erste Versuch (15. August): Ein Dekret des Schahs sollte Mossadegh absetzen. Der Plan scheiterte jedoch zunächst; Mossadegh blieb im Amt, und der Schah floh über Bagdad nach Rom.

  • Der Erfolg (19. August): Die CIA (unter Kermit Roosevelt Jr.) und der britische MI6 organisierten daraufhin massive Unruhen. Mit bestochenen Demonstranten, Agenten und Teilen des Militärs wurde das Haus Mossadeghs angegriffen.

  • Die Festnahme: Nach schweren Straßenschlachten in Teheran wurde Mossadegh gestürzt und verhaftet.

Nach dem erfolgreichen Putsch kehrte der Schah am 22. August 1953 aus dem Exil zurück. Der Putsch war damit abgeschlossen, hatte aber den Charakter des Staates grundlegend verändert:

  • Absolutismus: Der Schah regierte fortan nicht mehr als konstitutioneller Monarch, sondern als absoluter Herrscher.

  • Unterdrückung: Er etablierte den Geheimdienst SAVAK, um Oppositionelle (insbesondere Kommunisten und Nationalisten) zu verfolgen. 

  • Westbindung: Der Iran wurde zum engsten Verbündeten der USA in der Region, was jedoch das Fundament für den wachsenden Groll legte, der 1979 in der Islamischen Revolution mündete.

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