Wer bist Du eigentlich?
Ein DNA-Test, 67 Menschen und ein Gedanke, den man einfach einmal wirken lassen sollte
- Bestkes Thomas
- Bömskes
- DNA, Familie, Gottes Dimensionen, Herkunft
DAS GEHEIMNIS IN UNSEREN ZELLEN
Was wäre, wenn Du gar nicht der bist, für den Du Dich hältst?
Manchmal braucht es keinen theologischen Vortrag, keine große philosophische Abhandlung und auch keine komplizierte wissenschaftliche Studie.
67 Menschen unterschiedlicher Herkunft wurden zunächst zu ihrer eigenen nationalen bzw. ethnischen Identität befragt. Einige äußern sehr starke nationale Identifikation und teilweise auch Vorurteile gegenüber anderen Nationen. Danach wurden Speichelproben genommen und durch AncestryDNA genetisch analysiert.
Aus den 67 Personen wurden anschließend 16 Teilnehmer für den eigentlichen Film ausgewählt. Ihnen wurden vor laufender Kamera Schätzungen ihrer genetischen Abstammung präsentiert. Einige entdecken dabei Anteile aus Regionen, mit denen sie überhaupt nicht gerechnet hatten. Besonders emotional wird es, als zwei Teilnehmer erfahren, dass sie offenbar entfernt miteinander verwandt sind.
Manchmal reicht ein kleiner Film.
Menschen sitzen vor einer Kamera und erzählen, woher sie kommen. Sie sind Engländer, Franzosen, Deutsche, Türken oder Kubaner. Sie sprechen über ihre Herkunft, ihre Familie, ihre Heimat – und manchmal auch darüber, mit welchen Menschen sie sich eher nicht verbunden fühlen.
Dann geben sie eine Speichelprobe ab.
Und plötzlich wird es still.
Denn die DNA erzählt bei einigen von ihnen eine andere Geschichte.
Vielleicht tragen wir viel mehr voneinander in uns, als wir glauben
Der Film heißt „The DNA Journey“ und wurde 2016 vom Reiseportal Momondo gemeinsam mit AncestryDNA produziert.
Die Idee ist einfach:
Menschen sollen zunächst beschreiben, wer sie glauben zu sein.
Danach wird ihre genetische Abstammung untersucht.
Und am Ende erfahren einige Dinge über ihre Herkunft, mit denen sie überhaupt nicht gerechnet haben.
Der überzeugte Engländer entdeckt Verbindungen zu anderen europäischen Regionen. Andere finden Spuren von Vorfahren aus Ländern und Kulturen, mit denen sie sich zuvor kaum identifiziert hätten.
Und zwei Teilnehmer erfahren sogar, dass sie entfernte Verwandte sind.
Für einen kurzen Moment verlieren Begriffe wie Nation, Herkunft und Grenze ihre Eindeutigkeit.
Und genau darin liegt die Kraft dieses Films.
Vielleicht beginnt Verbundenheit dort, wo wir aufhören, uns nur über unsere Unterschiede zu definieren.
Schau Dir zuerst den Film an
Es sind nur wenige Minuten.
Aber vielleicht solltest Du danach nicht sofort weiterlesen.
Lass den Gedanken ruhig einen Moment stehen.
Das Video: Momondo – The DNA Journey
Wohin bewegt sich die menschliche Geschichte – und worauf kann der Mensch seine Hoffnung gründen?
Vollständiges deutsches Transkript des Vortrags
Redaktioneller Hinweis: Das folgende Transkript wurde aus dem englischen Vortrag ins Deutsche übertragen.
Brad Argent: Was ich an DNA so faszinierend finde, ist, dass sie uns eine biologische Geschichte darüber erzählen kann, wer wir sind. Wir alle kennen normalerweise zumindest einen Teil unserer kulturellen Geschichte. Wir wissen, wo wir geboren wurden, wo unsere Eltern oder Großeltern gelebt haben und welcher Nation oder Kultur wir uns zugehörig fühlen. DNA erzählt daneben noch eine andere Geschichte. Jeder von uns erhält ungefähr die Hälfte seiner DNA von seiner Mutter und die andere Hälfte von seinem Vater. Unsere Eltern wiederum haben ihre DNA von ihren Eltern erhalten, und so geht es Generation für Generation weiter zurück. Bei jeder Generation wird die DNA neu gemischt. Deshalb können sogar Geschwister unterschiedliche genetische Anteile ihrer Vorfahren geerbt haben. Wenn wir weit genug zurückgehen, sehen wir Spuren von Wanderungsbewegungen, Begegnungen und Verbindungen zwischen Menschen, die häufig viel komplexer sind als die Geschichte, die wir über unsere eigene Herkunft erzählen. DNA kennt keine Staatsgrenzen. Politiker und Gesellschaften ziehen Grenzen. Menschen wandern, begegnen einander und bekommen Kinder. Und diese Geschichte tragen wir bis heute in uns.
Um die Vielfalt der Welt zu feiern, wurden 67 Menschen getestet. Jay: Ich bin stolz darauf, Engländer zu sein. Meine Familie hat gedient. Wir haben unser Land verteidigt. Mitglieder meiner Familie sind für dieses Land in den Krieg gezogen. Deshalb weiß ich, dass ich Engländer bin. Meine Eltern und meine Großeltern haben mir gesagt, dass ich Engländer bin. Also wüsste ich nicht, was ich sonst sein sollte. Interviewer: Was macht Dich zum Engländer? Jay: Ich bin in England geboren. Meine Eltern sind in England geboren. Meine Großeltern sind in England geboren. Meine Großeltern haben beide in der Royal Navy gedient. Das gehört zu meiner Familiengeschichte. Interviewer: Gibt es eine Nationalität, mit der Du nicht besonders gut klarkommst? Jay: Deutschland. Ja, ich bin kein großer Fan der Deutschen. Wahrscheinlich kommt das durch meine Eltern und Großeltern, wegen des Krieges und all dieser Dinge. Interviewer: Wie würdest Du Dich fühlen, wenn Du eine Reise unternehmen könntest, die auf Deiner eigenen DNA basiert? Jay: Was könntet Ihr mir schon erzählen, was ich nicht längst über mich weiß? Interviewer: Dafür musst Du in dieses Röhrchen spucken. Hier drin haben wir jetzt Deine Geschichte. Was erwartest Du? Jay: Dass darin steht, dass ich Engländer bin. Was sollte sonst dabei herauskommen?
Zwei Wochen später. Interviewer: Bist Du bereit? Dann lies uns Deine Ergebnisse vor. Jay: 55 Prozent Irland? Was? 30 Prozent Großbritannien. Fünf Prozent deutsch … und Türkei? Die Türkei habt Ihr doch nur da hineingeschrieben, um mich zu veräppeln, oder? Ich habe Euch ausdrücklich gesagt, dass ich nicht gerne deutsch oder türkisch wäre. Und jetzt bin ich beides! Das ist wirklich ein Schock. Zu sehen, aus wie vielen verschiedenen Gegenden ich tatsächlich stamme, hätte ich nicht erwartet. Wie es aussieht, bin ich Jay von überall. Interviewer: Würdest Du all diese Länder jetzt gerne besuchen? Jay: Ja. Natürlich. Auch die Türkei. Und Deutschland. Du hast mehr mit der Welt gemeinsam, als Du denkst.
Aurelie: Ich lebe inzwischen in London, aber meine ganze Familie kommt aus Frankreich. Interviewer: Wenn Du irgendeine andere Nationalität haben könntest, welche würdest Du Dir aussuchen? Aurelie: Ich mag Italiener ziemlich gerne. Sie sind so temperamentvoll, ein bisschen verrückt und laut. Und ich könnte mir auch gut vorstellen, Britin zu sein. Ich lebe schließlich in London und habe großen Respekt und viel Liebe für diese Kultur. Interviewer: Wie findest Du die Vorstellung, eine Reise auf Grundlage Deiner eigenen DNA zu unternehmen? Aurelie: Ich wäre unglaublich neugierig. Ich glaube allerdings, dass es eine ziemlich langweilige Geschichte wird. Es wird heißen: Ja, Du bist Französin. Überraschung, Deine Großeltern waren Franzosen. Und Deine Urururgroßeltern waren ebenfalls Franzosen.
Zwei Wochen später. Interviewer: Bist Du nervös? Aurelie: Ich dachte eigentlich, ich würde überhaupt nicht nervös sein. Und dann habt Ihr meinen Namen gerufen und plötzlich war ich so: Oh Gott! Interviewer: Dann lies es uns vor. Aurelie: Oh mein Gott. Wow. Damit habe ich überhaupt nicht gerechnet. Ich bin 32 Prozent britisch?! Und 31 Prozent Italien/Griechenland? Das bin doch nicht ich! Moment … wo ist Frankreich? Interviewer: Da ist kein Frankreich. Aurelie: Hör auf! Ich bin ehrlich gesagt richtig glücklich. Denn ich lebe in London und habe mich in meinem eigenen Land, in Frankreich, nie wirklich zu Hause gefühlt. Und vor zwei Wochen habe ich gesagt, dass ich gerne Italienerin wäre. Jetzt bin ich 31 Prozent Italien/Griechenland. Es ist fast so, als würden meine Gene mich besser kennen als ich selbst. Interviewer: Möchtest Du all diese Orte besuchen? Aurelie: Oh ja. Verdammt, ja!
Carlos: Meine Familie ist vollständig kubanisch. Interviewer: Zu wie viel Prozent? Carlos: Hundert Prozent. Interviewer: Zwischen Kuba und seinen Nachbarn gibt es gewisse Rivalitäten. Carlos: Ja. Ich glaube, Kubaner mögen es nicht besonders, mit Dominikanern verwechselt zu werden. Und Dominikaner wahrscheinlich genauso wenig mit Kubanern. Meine Großmutter hat zwölf Geschwister und ich habe sieben Onkel. Bei meiner Urgroßmutter gibt es möglicherweise etwas. Vielleicht war sie Dominikanerin. Ich hoffe nicht. Interviewer: Was würdest Du denn auf keinen Fall finden wollen? Carlos: Dominikaner, Argentinier oder Franzosen.
Bei der Ergebnisverkündung sagt Carlos: Wow. Nein. Das ist verrückt. Spanien/Portugal: 22 Prozent. Indigene Bevölkerung Amerikas: 17 Prozent. Südöstliches Afrika: 16 Prozent. Italien/Griechenland: 12 Prozent. Nigeria: 8 Prozent. Großbritannien: 8 Prozent. Senegal: 3 Prozent. Elfenbeinküste/Ghana: 3 Prozent. Benin/Togo: 2 Prozent. Mali: 2 Prozent. Osteuropa. Naher Osten: 2 Prozent. Kamerun/Kongo: 1 Prozent. Skandinavien: 1 Prozent. Melanesien: 1 Prozent. Was ist denn Melanesien? Brad Argent: Schau Dir diese Karte an. Eigentlich ist fast die ganze Welt markiert, weil Deine Vorfahren aus unglaublich vielen verschiedenen Regionen stammen. Du bist einer der ethnisch vielfältigsten Menschen, die ich je gesehen habe. Wenn morgen Außerirdische auf diesem Planeten landen würden und wir ihnen einen Menschen schicken müssten, der die Welt repräsentiert, dann müssten wir wahrscheinlich Dich schicken. Denn Du kommst praktisch von überall. Carlos: Dann bin ich wirklich ein Mann der Welt.
Brad Argent: Das Interessante an solchen Ergebnissen ist nicht, dass sie die kulturelle Identität eines Menschen ersetzen. Sie ergänzen sie. Wenn jemand sein ganzes Leben lang Franzose, Kurde, Russe oder Afrikaner war, dann nimmt ihm ein DNA-Test diese Identität nicht weg. Er zeigt möglicherweise nur noch eine weitere Ebene der eigenen Geschichte. Wir alle tragen kleine genetische Spuren unserer Vorfahren in uns. Manche reichen Generationen zurück. Sie erzählen von Migration, von Begegnungen zwischen Bevölkerungen und davon, dass unsere heutige Vorstellung von Nationalität sehr viel jünger ist als die Geschichte unserer Gene.
Ellaha: Ich komme ursprünglich aus Kurdistan im Iran. Wir waren politische Flüchtlinge. Als ich sechs Jahre alt war, kam ich mit meinen Geschwistern und meinen Eltern nach Dänemark. Wir Kurden sind ein Volk, das schon lange kein eigenes Land mehr hat. Wenn man jemand ist wie ich, weiß man manchmal nicht einmal genau, woher die Großeltern genetisch eigentlich kamen. Aber wir sind uns trotzdem sicher genug, um zu sagen: Wir sind ein eigenes Volk. Interviewer: Deine Familie hat also aufgrund ihrer kurdischen Herkunft viel durchgemacht? Ellaha: Ja. Interviewer: Gibt es Menschen, mit denen Du Schwierigkeiten hast? Ellaha: Es gibt eine Seite in mir, die sagt: Hey, wir sind doch alle Menschen. Und dann gibt es eine andere Seite in mir, die türkische Menschen hasst … nein, nicht die Menschen. Die Regierung! Es geht mir um die Regierung. Interviewer: Wie wäre es für Dich, eine Reise anhand Deiner eigenen DNA anzutreten? Ellaha: Das wäre aufregend und ein bisschen beängstigend, aber auf eine gute Art. Ich hoffe vielleicht, dass wir alle gleich sind. Dass zwischen Dir und mir gar kein so großer Unterschied besteht.
Zwei Wochen später. Ellaha: Ich habe immer wieder darüber nachgedacht: Was zum Teufel bedeutet eigentlich „kurdisch“? Wie erkläre ich anderen Menschen, dass ich Kurdin bin? Interviewer: Was auch immer auf diesem Papier steht, Du bist immer noch Ellaha. Du bist immer noch Du. Vielleicht erzählt Dir dieses Papier nur etwas mehr über Dich. Ellaha: 79 Prozent Iran und Kaukasus. Und was davon wäre türkisch? Und europäisch-jüdisch? Das ist lustig. Ich wusste, dass dort nicht einfach stehen würde: Du bist Kurdin. Und genau das macht mich irgendwie auch ein bisschen traurig. Denn jetzt habe ich das Gefühl, als könnte ich den Leuten nicht mehr einfach sagen, dass ich Kurdin bin. Interviewer: Warum nicht? Das hier ist nur ein Teil von Dir. Wir bestehen aus vielen Teilen. Du bist immer noch Ellaha. Du bist immer noch Kurdin. Und jetzt bist Du eben auch ein bisschen jüdisch. Du kannst beides sein. Politik ist nicht dasselbe wie die Menschen. Ellaha: Genau.
Interviewer: In gewisser Weise sind wir alle miteinander verwandt. Im weitesten Sinne sind wir alle eine Art Cousins. Aber in Deinem Fall stimmt das sogar in einem viel direkteren Sinn. Du hast einen Cousin hier im Raum. Ellaha: Was?! Interviewer: Als wir die Tests ausgewertet haben, haben wir auch in einer großen DNA-Datenbank nach genetischen Verwandten gesucht. Einer Deiner entfernten Cousins sitzt hier hinter Dir. Dreh Dich um und versuch zu erraten, wer es ist. Ellaha: Waj? Interviewer: Waj, warum kommst Du nicht herunter und lernst Deine Cousine kennen? Ellaha: Oh mein Gott! Das ist unglaublich! Waj: Mein Herz rast gerade. Ich hatte überhaupt keine Ahnung. Brad Argent: Wir vergleichen die DNA-Abschnitte, die Ihr beide gemeinsam habt. Damit lässt sich abschätzen, wie weit wir zurückgehen müssen, bis Ihr einen gemeinsamen Vorfahren findet. Wir sind uns zu 99,96 Prozent sicher, dass Ihr einen gemeinsamen Vorfahren habt, der ungefähr 150 bis 225 Jahre zurückliegt. Ellaha: Oh mein Gott. Brad Argent: Dass ausgerechnet zwei Menschen aus dieser Gruppe genetisch miteinander verwandt sind, ist bemerkenswert.
Yanina: Ich komme aus Russland. Allerdings wurde ich in einem Land geboren, das heute gar nicht mehr existiert: der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken. Dieses Fotoalbum ist die Geschichte meiner Kindheit. Das hier ist meine Mutter und hier bin ich, gerade einmal zwei Wochen alt. Ich bin stolz auf die russischen Menschen. Sie haben unglaublich viele traurige Dinge in ihrer Geschichte erlebt, aber sie haben überlebt. Soweit ich weiß, habe ich ausschließlich Russen in meiner Familie. Vielleicht gibt es Vorfahren aus Deutschland, Polen oder Israel. Und natürlich müssten Russen dabei sein. Bei der Ergebnisverkündung liest sie: 65 Prozent Osteuropa, 17 Prozent Finnland/Russland, 4 Prozent China/Japan, 3 Prozent Irland und 2 Prozent indigene Bevölkerung Amerikas. Also muss jemand eine ausgesprochen lange Reise von Amerika nach Russland gemacht haben. Vielleicht gibt es viel stärkere Verbindungen zwischen Amerika und Russland, als wir glauben. Ich denke, wir sollten diese Ergebnisse wie einen Schatz in unserer Familie aufbewahren, damit auch zukünftige Generationen davon erfahren.
Karen: Mein Name ist Karen. Ich komme aus Ostafrika. Meine Familie kommt aus Burundi. Viele alte Familienfotos sind im Krieg verloren gegangen. Interviewer: Wie viel Deiner familiären Herkunft würdest Du als ostafrikanisch bezeichnen? Karen: Hundert Prozent. Da bin ich ziemlich sicher. Brad Argent: Du bekommst ungefähr die Hälfte Deiner DNA von Deiner Mutter und die andere Hälfte von Deinem Vater. Deine Eltern wiederum haben jeweils ungefähr die Hälfte von ihren Eltern erhalten. Und so geht es immer weiter zurück. Karen: Ich hoffe, dass der Test zeigt, dass ich Ostafrikanerin bin und dass meine Vorfahren aus Ostafrika stammen.
Zwei Wochen später. Karen: Ich fühle mich gerade ein bisschen verloren. Ich weiß, wer ich bin. Ich bin Afrikanerin, Ostafrikanerin. Ich bin mir sehr sicher, wer ich bin. Aber nachdem ich die Ergebnisse der anderen gehört habe, ist es natürlich interessant geworden. Für viele Menschen ist das vielleicht einfach eine Überraschung, fast ein Spiel. Aber ich bin Afrikanerin. Für mich geht das ein bisschen tiefer. Wegen unserer Geschichte und wegen allem, was wir erlebt haben. Ich habe für mich akzeptiert, wer ich bin. Und jetzt weiß ich nicht, ob ich überhaupt etwas anderes wissen möchte. Brad Argent: In diesem Umschlag steckt Biologie. Er verändert Deine Kultur nicht. Er zeigt Dir lediglich eine weitere Perspektive auf Karen. Das hier fügt Karen etwas hinzu. Es nimmt Karen nichts weg. Karen: 61 Prozent südöstliches Afrika, 38 Prozent Kamerun/Kongo und 1 Prozent Benin/Togo. Kamerun und Kongo überrascht mich. Wie funktioniert so etwas? Brad Argent: Ein Teil kann über die Seite Deines Vaters gekommen sein, ein anderer über die Seite Deiner Mutter. Weiter zurückliegende Vorfahren könnten aus diesen Regionen gekommen sein. Sie haben kleine Teile ihrer DNA immer weitergegeben, bis zu Dir. Selbst heute hallen Deine Vorfahren gewissermaßen noch in Deiner DNA nach. Und letztlich stammen wir alle ursprünglich aus Afrika, vor sehr, sehr langer Zeit. In diesem Sinne trägt jeder Mensch in diesem Raum eine Verbindung zu Afrika in sich. Karen: Ich weiß, wer ich bin.
Im Hauptfilm werden die Teilnehmer noch einmal gefragt, wie sie sich selbst sehen. Jay: Ich bin stolz darauf, Engländer zu sein. Meine Familie hat gedient. Wir haben dieses Land verteidigt. Andere Teilnehmer: Ich bin wirklich sehr patriotisch, was Bangladesch betrifft. Ich bin hundert Prozent Isländer. Wir sind einfach stolze Schwarze. Ich glaube schon, dass wir wahrscheinlich das beste Land der Welt sind. Auf die Frage, welche Nationalitäten sie nicht mögen, sagt Jay: Deutschland. Ein anderer Teilnehmer spricht von Indien und Pakistan. Ellaha sagt: Eine Seite von mir sagt, wir sind alle Menschen, eine andere Seite hasst türkische Menschen – nein, nicht die Menschen, die Regierung. Ein weiterer Teilnehmer erklärt selbstbewusst: Ich bin wichtiger als Du. Ich kenne Dich zwar nicht, aber meiner Meinung nach bin ich stark und wichtiger als viele andere Menschen.
Dann werden die DNA-Proben genommen. Die Erwartungen sind eindeutig: französisch, bengalisch, irakisch, kubanisch, englisch. Zwei Wochen später werden die Umschläge geöffnet. Die Reaktionen reichen von Lachen bis zu Tränen. „Ich bin 32 Prozent britisch?!“, „Fünf Prozent deutsch“, „Ich bin Ire?!“, „Dann bin ich also ein muslimischer Jude“, „Großbritannien, elf Prozent? Seid Ihr sicher, dass das wirklich meine Ergebnisse sind?“, „Osteuropa? Ernsthaft?“ Ein Teilnehmer sagt schließlich: DNA-Tests sollten eigentlich verpflichtend sein. Vielleicht gehe ich damit ein bisschen weit. Aber wenn die Menschen wüssten, woher sie tatsächlich kommen, gäbe es vielleicht weniger Extremismus. Wer wäre dann noch dumm genug, von so etwas wie einer „reinen Rasse“ zu sprechen?
Brad Argent: Im weitesten Sinne sind wir alle irgendwie miteinander verwandt. Wir sind alle eine Art Cousins. Aber für eine Person hier im Raum trifft das sogar ganz konkret zu. Du hast hier tatsächlich einen Cousin. Die beiden genetisch verwandten Teilnehmer begegnen einander und umarmen sich. Einer sagt: Mein Herz rast. Ich hatte überhaupt keine Ahnung. Jay: Offenbar bin ich einfach Jay von überall. Carlos: Dann bin ich wirklich ein Mann der Welt. Auf die Frage, ob sie all die entdeckten Regionen besuchen würden, antworten die Teilnehmer mit Ja. Aurelie sagt: Oh ja. Verdammt, ja.
Brad Argent: DNA erzählt uns nicht vollständig, wer wir sind. Unsere Identität besteht aus viel mehr: aus unserer Familie, unserer Kultur, der Sprache, die wir sprechen, den Orten, an denen wir aufgewachsen sind, und den Erfahrungen, die wir gemacht haben. Aber DNA kann eine weitere Tür öffnen. Sie zeigt uns eine biologische Geschichte, die neben unserer kulturellen Geschichte steht. Und manchmal ist diese Geschichte überraschender, als wir erwartet hätten. Menschen stellen sich häufig vor, dass ihre Herkunft eindeutig sei: Ich bin Engländer. Ich bin Franzose. Ich bin Russe. Ich bin Kurde. Doch wenn wir weiter zurückblicken, wird die Geschichte komplexer. Unsere Vorfahren waren Menschen, die sich bewegt haben, die gereist sind und Grenzen überschritten haben – manchmal freiwillig, manchmal aufgrund von Krieg, Verfolgung oder Not. Sie haben andere Menschen getroffen, und aus diesen Begegnungen sind wiederum Menschen entstanden, bis irgendwann wir entstanden sind. Genau deshalb kann die Beschäftigung mit unserer DNA unseren Blick auf die Welt verändern. Sie kann uns neugierig machen auf Orte, Kulturen und Menschen, von denen wir bisher vielleicht glaubten, sie hätten mit uns überhaupt nichts gemeinsam. Vielleicht ist das Spannendste an einer DNA-Reise deshalb nicht die Frage: „Woher komme ich?“, sondern: „Mit wem bin ich verbunden?“
Du hast mehr mit der Welt gemeinsam, als Du denkst.
Natürlich ist das Werbung
Menschen benötigen Vergangenheit und Zukunft
Jetzt kommt der Teil, den wir nicht verschweigen wollen.
Dieser Film ist keine unabhängige wissenschaftliche Dokumentation.
Er ist eine professionell produzierte Werbekampagne.
Momondo wollte Menschen zum Reisen bewegen.
AncestryDNA verkauft DNA-Tests.
Und selbstverständlich wurde der Film so produziert, dass er funktioniert.
Von ursprünglich 67 getesteten Personen wurden nur 16 für den eigentlichen Film ausgewählt. Momondo erklärte später selbst, dass bei der Auswahl auch darauf geachtet wurde, ob die Ergebnisse ein überraschendes Element enthielten.
Auch die zeitliche Abfolge wurde für die Dramaturgie verändert. Im Film entsteht der Eindruck, die Teilnehmer würden zunächst ihre Speichelprobe abgeben und zwei Wochen später ihr Ergebnis erhalten. Tatsächlich waren die DNA-Analysen bereits vor dem eigentlichen Dreh durchgeführt worden. Momondo bezeichnete diese Änderung ausdrücklich als Teil des Storytellings.
Mit anderen Worten:
Ja. Wir werden hier emotional geführt.
Aber macht das den Gedanken deshalb wertlos?
Wir halten es ein wenig wie Cypher in Matrix
Es gibt diese berühmte Szene aus Matrix.
Cypher sitzt mit Agent Smith in einem Restaurant. Vor ihm liegt ein saftiges Steak.
Er weiß, dass dieses Steak nicht wirklich existiert.
Er weiß, dass sein Gehirn lediglich elektrische Signale erhält.
Und trotzdem genießt er es.
Sinngemäß sagt er:
Ich weiß, dass dieses Steak nicht real ist. Aber es schmeckt verdammt gut.
Vielleicht kann man diesen kleinen DNA-Film ähnlich betrachten.
Wir wissen, dass hinter ihm eine Werbeagentur steht.
Wir wissen, dass die Teilnehmer ausgewählt wurden.
Wir wissen, dass Musik, Schnitt, Licht und Dramaturgie unsere Gefühle beeinflussen sollen.
Und wir wissen sogar, dass die bunten Prozentzahlen eines DNA-Tests weit weniger eindeutig sind, als sie zunächst aussehen.
Aber für ein paar Minuten dürfen wir den Gedanken trotzdem genießen.
Weil er schön ist.
Und weil erstaunlich viel Wahrheit darin steckt.
Auch wenn wir wissen, wie der Zaubertrick funktioniert, kann der Gedanke dahinter trotzdem wahr sein.
Aber stimmt das mit der DNA überhaupt?
Im Grundsatz: Ja.
Nur etwas anders, als es im Film aussieht.
Ein kommerzieller DNA-Test liest nicht irgendwo in unserem Erbgut:
37 % deutsch
22 % französisch
11 % skandinavisch
So funktioniert Genetik nicht.
Anbieter wie AncestryDNA vergleichen bestimmte Abschnitte der DNA mit sogenannten Referenzpopulationen.
Vereinfacht gesagt:
Wenn bestimmte DNA-Abschnitte statistisch stärker Menschen ähneln, deren Vorfahren über lange Zeit aus einer bestimmten geografischen Region stammen, ordnet der Algorithmus diese Abschnitte dieser Region zu.
Ancestry beschreibt seine Methode selbst als Vergleich der DNA eines Kunden mit DNA-Proben von Menschen bekannter geografischer Herkunft.
Es handelt sich also um eine statistische Schätzung der genetischen Abstammung.
Nicht um einen Reisepass, der in unseren Chromosomen versteckt ist.
Du bist nicht „27 Prozent Italiener“
Das ist ein wichtiger Unterschied.
Wenn ein Test sagt:
27 % Süditalien
dann bedeutet das nicht:
Ein Viertel dieses Menschen besteht biologisch aus Italien.
Es bedeutet:
Bestimmte DNA-Bereiche ähneln in dem verwendeten Modell besonders stark den Referenzgruppen, die der Anbieter dieser Region zugeordnet hat.
Und diese Modelle verändern sich.
Neue Vergleichsdaten kommen hinzu.
Regionen werden neu definiert.
Algorithmen werden verbessert.
Deshalb können sich die Prozentwerte eines DNA-Tests im Laufe der Jahre verändern, obwohl sich die DNA des Menschen selbstverständlich nicht verändert hat.
Das amerikanische National Human Genome Research Institute weist ausdrücklich darauf hin, dass genetische Abstammung, Ethnie und gesellschaftliche Kategorien nicht dasselbe sind. Genetische Abstammung beruht auf statistischer Ähnlichkeit und gemeinsamen Vorfahren; Ethnizität umfasst dagegen beispielsweise Sprache, Kultur, Geschichte und Traditionen.
Und trotzdem wird es jetzt erst richtig interessant
Denn die große Aussage des Films braucht die hübschen Prozentzahlen eigentlich gar nicht.
Menschen wandern seit Jahrtausenden.
Sie verlieben sich.
Sie bekommen Kinder.
Völker verschwinden, neue entstehen.
Grenzen werden gezogen und wieder gelöscht.
Römer ziehen nach Germanien.
Germanische Stämme wandern nach Süden.
Wikinger erreichen halb Europa.
Menschen ziehen entlang der Seidenstraße.
Armeen marschieren.
Händler reisen.
Flüchtlinge verlassen ihre Heimat.
Familien entstehen dort, wo vorher zwei fremde Welten aufeinandertrafen.
Die Vorstellung, irgendwo existiere über Jahrtausende eine vollkommen abgeschlossene „reine“ Bevölkerung, passt kaum zur Geschichte Europas – und noch weniger zur Geschichte der Menschheit.
Moderne Genetik bestätigt genau dieses komplizierte Geflecht gemeinsamer Abstammung.
Aber Wissenschaftler warnen zugleich davor, daraus einfache Kategorien von „Rasse“ oder Nationalität abzuleiten. Genetische Variation lässt sich nicht sauber entlang unserer gesellschaftlichen Etiketten sortieren.
Vielleicht ist gerade das der schönste Gedanke daran.
Die Frau gegenüber könnte weiter mit Dir verwandt sein, als Du ahnst
Einer der emotionalsten Momente des Films entsteht, als zwei Teilnehmer erfahren, dass sie entfernte Cousins sind.
Laut Momondo war diese Verbindung tatsächlich real und wurde über die Datenbank von AncestryDNA festgestellt.
Auch wissenschaftlich ist das vollkommen plausibel.
Denn nahe und auch manche entfernte Verwandtschaftsbeziehungen lassen sich anhand gemeinsamer DNA-Abschnitte erkennen.
Und plötzlich bekommt eine abstrakte Aussage ein Gesicht:
Da sitzen zwei Menschen nebeneinander.
Vielleicht wären sie sich auf der Straße begegnet, ohne einander wahrzunehmen.
Und irgendwo in der Vergangenheit gibt es einen Menschen, von dem beide abstammen.
Manchmal ist ein Fremder nur ein Verwandter, dessen Geschichte wir noch nicht kennen.
Ein kleines Gedankenexperiment
Du hast:
2 Eltern
4 Großeltern
8 Urgroßeltern
16 Ururgroßeltern
Gehen wir einfach theoretisch weiter, verdoppelt sich die Zahl in jeder Generation.
Nach 10 Generationen wären es mehr als tausend Positionen in Deinem Stammbaum.
Nach 20 Generationen mehr als eine Million.
Natürlich funktioniert die reale Genealogie nicht so linear, weil dieselben Vorfahren mehrfach in einem Stammbaum auftauchen.
Aber genau das macht die Sache noch interessanter:
Unsere Stammbäume beginnen sich irgendwann zu überschneiden.
Der Fremde neben Dir hat womöglich Vorfahren, die auch in Deinem Stammbaum auftauchen.
Und je weiter wir zurückgehen, desto dichter wird dieses Netz.
Wir verbringen erstaunlich viel Zeit damit herauszufinden, was uns trennt. Dabei erzählt unsere Geschichte ständig davon, was uns verbindet.
Gott kennt keinen genetischen Prozentbalken
Für einen christlichen Blick auf dieses Thema braucht man keinen DNA-Test.
In der Apostelgeschichte steht ein bemerkenswerter Satz:
Und er hat aus einem Menschen das ganze Menschengeschlecht gemacht.“
Apostelgeschichte 17,26
Vor beinahe zweitausend Jahren gab es keine Genomsequenzierung.
Keine DNA-Datenbanken.
Keine Abstammungsalgorithmen.
Und trotzdem steht dort ein Gedanke, der erstaunlich modern klingt:
Wir gehören zusammen
Nicht weil wir alle gleich sind.
Sondern weil unsere Unterschiede innerhalb einer gemeinsamen Menschheitsgeschichte existieren.
Das Christentum behauptet nicht, dass Unterschiede verschwinden müssen.
Es behauptet etwas Radikaleres:
Dass unsere Unterschiede nicht darüber entscheiden, welchen Wert ein Mensch besitzt.
Vielleicht sollten wir den Gedanken einfach einmal genießen
Vielleicht müssen wir heute nicht entscheiden, ob Momondo einen perfekten wissenschaftlichen Film produziert hat.
Das haben sie nicht.
Vielleicht müssen wir auch keinen DNA-Test bestellen.
Und vielleicht brauchen wir überhaupt keine Prozentzahl.
Es genügt möglicherweise für einen Moment dieser Gedanke:
Was wäre, wenn wir tatsächlich viel stärker miteinander verbunden sind, als wir glauben?
Was würde sich verändern?
Wie würden wir über den Fremden sprechen?
Über andere Länder?
Über andere Kulturen?
Über den Menschen, den wir spontan in eine Schublade stecken?
Vielleicht gar nichts.
Vielleicht ein bisschen.
Und manchmal beginnt Veränderung genau dort.
Der Test sagt vielleicht nicht exakt, wer Du bist. Aber er erinnert uns daran, dass niemand nur das ist, was auf seinem Pass steht.
Was wir aus diesem Film mitnehmen können
Der DNA Journey Film ist kein wissenschaftliches Experiment.
Er ist Werbung.
Seine Dramaturgie ist bewusst gebaut und seine Teilnehmer wurden gezielt ausgewählt.
Die darin verwendete Genetik ist dennoch grundsätzlich real: DNA kann Hinweise auf gemeinsame Abstammung und geografische Herkunft geben. Die daraus errechneten Prozentzahlen sind jedoch statistische Modelle und keine exakten Angaben einer biologischen Nationalität.
Und trotzdem bleibt hinter all diesen Einschränkungen ein bemerkenswert einfacher Gedanke:
Wir Menschen sind einander näher, als unsere selbstgebauten Kategorien manchmal vermuten lassen.
Vielleicht reicht das für heute.
Keine große Schlussfolgerung.
Kein erhobener Zeigefinger.
Einfach ein schöner Gedanke.
Und wie bei dem Steak in Matrix wissen wir durchaus, was hinter der Illusion steckt.
Trotzdem dürfen wir es für diesen Moment genießen.
Quellen und weiterführende Informationen
Momondo: The DNA Journey – How it was made – Hintergrund zur Auswahl der 67 beziehungsweise 16 Teilnehmer und zur Produktion des Films.
AncestryDNA: Methodik der sogenannten Ethnicity Estimates und der verwendeten Referenzpopulationen.
National Human Genome Research Institute: Unterschiede zwischen genetischer Abstammung, Ethnizität und gesellschaftlichen Populationsbegriffen.
Wir sehen keinen wissenschaftlichen Dokumentarfilm, sondern einen sehr professionell inszenierten Werbefilm mit echten Testergebnissen.
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